Stellungnahme zum Abrissantrag zur Maschinenbaufabrik Swiderski

Liebe Nachbarschaft aus nah und fern,

ein bedeutendes Fabrikensembe mit stadtbildprägendem Charakter soll abgerissen werden. Und dass nur, um eventuelle Nutzungspotentiale zu generieren. Da wir uns dem entschieden entgegenstellen, hat die Leipziger Denkmalstiftung im Verein mit dem Industriekultur Leipzig e.V., der IG Buch Kleinzschocher, dem Stadtforum Leipzig, Pro Leipzig e.V., dem Westbesuch e.V. und uns dazu eine Stellungnahme verfasst, die nun auch hier veröffentlicht werden soll: 


Leipzig, 30.01.2026 

Die »Maschinenbaufabrik Philipp Swiderski« muss erhalten bleiben! 

Gemeinsame Stellungnahme von Leipziger Denkmalstiftung, Förderverein der Leipziger Denkmalstiftung e.V. und Industriekultur Leipzig e.V. sowie Bürgerinitiative Kleinzschocher, IG Buch Kleinzschocher, Stadtforum Leipzig, Pro Leipzig e.V. und Westbesuch e.V. 

Das Fabrikgelände an der Markranstädter Straße, Ecke Zschochersche Straße, ist ein Unikat – nicht nur in Plagwitz, sondern in ganz Leipzig. Große Produktionshallen, ein markanter Eckbau mit Türmchen: Schon im Vorbeigehen wird deutlich, dass es sich hier um einen außergewöhnlichen Ort handelt. Solche industriellen Ensembles sind selten geworden. Einst wurden hier Buch-druck- und Dampfmaschinen gefertigt – Produkte, die Leipzigs Ruf als internationales Zentrum des Buch- und Maschinenbaus mitbegründeten. Doch seit den 1990er Jahren ist das Areal dem Verfall preisgegeben. Gebäude wurden bereits zurückgebaut, Sicherungsmaßnahmen erfolgen nur sporadisch. Nun erwägt die Eigentümergesellschaft erneut den vollständigen Abbruch. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. 

Die Geschichte dieses Ortes reicht bis ins Jahr 1867 zurück, als die »Philipp Swiderski Maschinenbaufabrik« im Graphischen Viertel gegründet wurde. Zunächst entstanden Lederverarbeitungsmaschinen, später Buchdruckmaschinen. Nach einem innerstädtischen Umzug im Jahr 1871 und einer stetigen Erweiterung der Produktpalette – unter anderem um Druckmaschinen und Lokomobile – wurde 1888 schließlich das neue Fabrikgelände in Plagwitz errichtet. Damit verlagerte sich ein bedeutender Teil der Leipziger Industriegeschichte an diesen Standort. Die Herstellung von Buchdruckmaschinen, darunter Falz- und Bogenanlegermaschinen, blieb über Jahrzehnte prägend. Nach mehreren Umfirmierungen firmierte das Unternehmen ab 1927 als »Georg Spiess Maschinenfabrik«, wurde 1953 zum »VEB Bogenanlegerwerk« und 1960 dem »VEB Druckmaschinenwerk Leipzig« zugeordnet. Mit der Wiedervereinigung endete die Produktion. Gebäude, Maschinen und Inventar blieben zurück – ein eingefrorenes Zeugnis industrieller Arbeit, Technikgeschichte und Arbeitskultur. 

Heute ist die ehemalige Maschinenfabrik ein weithin bekannter und geschätzter »Lost Place«, ein Ort von großer Anziehungskraft für Fotografen, Stadtforscher und Geschichtsinteressierte. Zugleich existieren seit Jahren zahlreiche Ideen für eine neue Nutzung. Studien- und Abschlussarbeiten sowie eine Machbarkeitsstudie haben unterschiedliche Nutzungsszenarien untersucht – von einer Mischung aus Produktion, Handel, Büro und Wohnen bis hin zu über-wiegender Einzelhandelsnutzung. Auch die »Leipzig International School« zeigte Interesse, musste jedoch feststellen, dass ihre Anforderungen nicht mit dem Bestand vereinbar sind. Ein Architekturbüro hat ein konkretes Nutzungskonzept für den Erhalt und die behutsame Weiterentwicklung der Anlage erarbeitet. Die Eigentümergesellschaft stellt sich ein Einkaufszentrum vor. Der Schwerpunkt wäre ein großflächiger Lebensmitteleinzelhandel. Dies lässt der Bebauungsplan jedoch nicht zu. Außerdem gibt es in der unmittelbaren Umgebung schon zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten, sodass weitere Einzelhandelsflächen überflüssig sind. Die jüngsten Gespräche mündeten schließlich in der Ankündigung der Eigentümergesellschaft, den vor rund anderthalb Jahren gestoppten Abbruch erneut in Betracht zu ziehen – in der Hoffnung, durch eine vollständige Beräumung neue Optionen zu eröffnen. Demnach ist das Grundstück mehr wert als eine historische und als Kulturdenkmal eingetragene Fabrikanlage. 

Ein Abriss dieser Anlage darf unter keinen Umständen erfolgen. Es handelt sich um ein denk-malgeschütztes, industriekulturell äußerst wertvolles Ensemble. Mit ihrer damals einzigartigen Erweiterung nach dem Entwurf von Paul Ranft, ist die ursprünglich von dem bedeutenden Architekturbüro Pfeifer & Händel (später Franke & Händel) geplante Fabrik bereits von Zeitgenossen als mustergültig gerühmt worden. Mit seinem Verlust ginge nicht nur ein Stück Identität von Plagwitz, Kleinzschocher und Lindenau verloren, sondern ein zentraler Baustein der Leipziger Industriegeschichte. 

Die in Jalta vereinbarte Aufteilung Deutschlands führte dazu, dass in der sowjetischen Besatzungszone im Unterschied zu den Besatzungsgebieten der westlichen Alliierten das Gros der nicht im Krieg zerstörten Industrieanlagen bestehen blieb und oft bis zum Ende der DDR weiterhin industriell genutzt wurde. Mit der Wende entstand die im europäischen Maßstab einzigartige Situation, die »Industriemoderne« auch anhand von Bauten studieren zu können. Solche Orte sind mehr als alte Mauern: Sie erzählen von Arbeit, Innovation, sozialem Wandel und der Entwicklung der Stadt. Sie bieten Potenziale für nachhaltige Stadtentwicklung, kulturelle Nutzung, kleinteilige Produktion, Bildung und gemeinschaftliches Leben – gerade, weil sie bereits existieren und nicht neu gebaut werden müssen. Abriss bedeutet hier nicht Fortschritt, sondern den unwiederbringlichen Verlust von Ge-schichte, grauer Energie und städtebaulicher Qualität. 

Leipzig hat sich stets als Stadt der Industrie und ihrer Kultur verstanden – und wird dafür weit über die Stadtgrenzen hinaus geschätzt. Diesem Anspruch müssen wir weiterhin gerecht wer-den. In den vergangenen Jahren wurden schon zu viele Industriebauwerke abgebrochen. Wir fordern insbesondere die Eigentümergesellschaft und die Stadt Leipzig eindringlich auf, gemeinsam eine tragfähige, langfristige Lösung zu entwickeln, alle erhaltenswerten Gebäude zu sichern und einer neuen, dem Ort angemessenen Nutzung zuzuführen. 

Die Zeit drängt: Es ist längst fünf nach zwölf. 


Empfehlenswerte Literatur zur Leipziger Industriegeschichte: - Leipziger Blätter 20, Frühjahr 1992, »Plagwitzer Industriebauten«, Ulrich Krüger und Frank Dietze - Werkbericht 2, Deutscher Werkbund Sachsen, 1996, »Industriearchitektur in Leipzig 1830 bis 1917, Bauten der privaten Wirtschaft«, Ulrich Krüger Im Leipziger Elsterland, Pro Leipzig 1997, »Urbanisierung durch Industrialisierung – Plagwitz' Blütezeit«, Ulrich Krüger - Industriearchitektur in Leipzig, Herausgeber: Deutscher Werkbund Sachsen, Gustav Kiepenheuer Verlag 1998, Text: Peter Guth, Ulrich Heß, Ulrich Krüger, Fotografien: Hans Christian Schink 

Für Herrn Dr. Ulrich Krüger war es eine Herzenssache, gegen die Gleichgültigkeit anzugehen und vom bedrohten Erbe zu begeistern. 

Initiatoren der Stellungnahme: 
Leipziger Denkmalstiftung www.leipziger-denkmalstiftung.de 
Industriekultur Leipzig e.V. www.industriekultur-leipzig.de 
Bürgerinitiative Kleinzschocher bi-kleinzschocher.blogspot.com 
IG Buch Kleinzschocher Pro Leipzig e.V. www.pro-leipzig.eu 
Stadtforum Leipzig www.stadtforum-leipzig.de 
Westbesuch e.V. www.westbesuch.com 


>> Bitte teilt diesen Beitrag und engagiert euch für den Erhalt dieser einmaligen Industriearchitektur !!


Bisherige Medienresonanz siehe unter:


©Dave Tarassow


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Stellungnahme zum Abrissantrag zur Maschinenbaufabrik Swiderski

Liebe Nachbarschaft aus nah und fern, ein bedeutendes Fabrikensembe mit stadtbildprägendem Charakter soll abgerissen werden. Und dass nur, u...